Johann Philipp Becker (1809-1886)

Johann Philipp Becker wird am 19. März 1809 in Frankenthal (Rheinpfalz) geboren. Der Sohn eines Handwerkers und gelernte Bürstenmacher engagiert sich schon früh in revolutionären Kreisen, hält eine radikale Rede auf dem Hambacher Fest 1832 und wird Mitglied des Preßvereins. Nach Verfolgung als Demagoge und Gefängnisstrafe wandert er 1838 in die Schweiz (Biel) aus, wo er das Bürgerrecht erwirbt und als Offizier im Sonderbundskrieg mitkämpft.

1848 stellt Becker in Basel eine Freischar auf (Deutsche Legion aus wandernden Handwerksgesellen in der Schweiz), um von dort aus Hecker zu Hilfe zu eilen, den er in Bad Säckingen trifft. Nach der verlorenen Schlacht auf der Scheideck am 20.4.48 ist Becker an einer Aktion beteiligt, bei der - unter Führung August von Willichs - von Hüningen aus etwa 300 deutschen Handwerksgesellen aus Frankreich und der Schweiz eine große Sandbank am Rheinufer - die sog. "Schusterinsel" bei Weil am Rhein - vom 25.-27.4.1848 besetzen. Nach Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Unternehmung ziehen sich Becker und Willich schließlich mit den sog. "Schustergesellen" wieder nach Frankreich und der Schweiz zurück.

Gegen Ende des Struveaufstandes kommt es nochmals zu einem Versuch, von Frankreich aus über die Schusterinsel in das Geschehen einzugreifen. In Hüningen versammeln sich vom 27.-29.9.1848 Arbeiter und Handwerker, um Struves Freischarenzug zu Hilfe zu eilen - allerdings zu spät, denn Struve hat bereits am 24.9. 1848 in Staufen gegen reguläre Truppen eine vernichtende Niederlage erlitten. Inwieweit Vorwürfe stimmen, wonach Becker absichtlich zu spät erschienen sei, muß offen bleiben. Jedenfalls gründet er anschließend auf der Schusterinsel den Wehrbund "Hilf Dir".

Vor Ausbruch der Mairevolution gründet Becker zusammen mit Friedrich Neff in Biel die Gesellschaft deutscher Republikaner, Kern der späteren Deutschen Flüchtlingslegion, auch unter dem Namen "Schweizerlegion" bekannt. In der Badischen Mairevolution 1849 organisiert Becker als Oberkommandierender die neu geschaffenen "Volkswehren" und erlangt Ruhm als mutiger und strategisch sicherer Freischarenführer.

In Erwartung eines Angriffs feindlicher Interventionstruppen beordert Becker am 24. Mai 1849 das Kuppenheimer Aufgebot der Volkswehr nach Karlsruhe. Politisch auf der äußersten Linken einzuordnen, tritt er dem als Gegengewicht zur "lauen" Regierung Brentano am 6. Juni 1849 gegründeten "Club des entschiedenen Fortschritts" bei.

Nach dem Treffen von Waghäusel wenden sich auch Beckers revolutionäre Einheiten fluchtartig nach Süden und erreichen am 23. Juni 1849 Sinsheim. In Durlach-Obermühle kommt es am 25. Juni 1849 zu einem harten Abwehrkampf der Beckerschen Volkswehr (3000 Mann) gegen Prinz Wilhelm von Preußen, der sich daraufhin entschließt, Karlsruhe unter Umgehung Durlachs anzugreifen. Am 30. Juni 1849 nimmt Becker Hauptquartier in Kuppenheim, kann aber dem preußischen Großangriff nur bis zur Mittagszeit Widerstand leisten. Auf dem weiteren Rückzug der revolutionären Truppen nach Süden zieht am 2. Juli 1849 die noch 2500 Mann starke Truppe Beckers durch Haslach i. Kinzigtal und zwingt den dortigen Bürgermeister Fackler unter Androhung von Gewalt zur Herausgabe von Lebensmitteln und zur Abkommandierung von Bürgerwehren zur Unterstützung der Verteidigungslinie in Hornberg. Vergeblich versucht Becker schließlich am 5. Juli von St. Georgen aus die dort bereits entwaffnete Wehrmannschaft des Amtes Villingen für einen erneuten Widerstand gegen die Preußen zu mobilisieren.

Nach dem Scheitern der Revolution und seiner Flucht in die Schweiz nimmt Becker Kontakt auf mit Marx und Engels; 1860 findet man ihn in Italien als Unterstützer Garibaldis. 1864 ist er Mitbegründer der I. Sozialistischen Internationale in London. Als engagierter Leiter der "Sektionsgruppe deutscher Sprache" und Herausgeber der Zeitschrift "der Vorbote" I (Genf) trägt er u.a. 1869 auch zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Deutschland bei.
Becker stirbt am 7. Dezember 1886 in Genf
Peter Kunze
 
Quelle: u.a. Arbeitsgemeinschaft hauptamtl. Archivare im Städtetag Baden-Württemberg: Revolution im Südwesten. Stätten der Demokratiebewegung 1848/49 in Baden-Württemberg, Karlsruhe, 1997

zurück zur Textübersicht

Titelseite